Was geht der Aufstand im Iran die Welt an?

3
1
0

Lieber Kijan

Sehr gerne schreibe ich Dich an, um ein bisschen besser zu verstehen, was gerade im Iran passiert und welche Hoffnungen sich damit verbinden – auch und gerade für die Frauen. Ich finde es sehr schwierig, sich innerhalb des Geschehens zu orientieren. Ich frage jetzt auch seitens savoir public, das wir immer mehr als Medium denken – mit dem Auftrag, die Eule der Minerva ab und an noch vor der Dämmerung loszuschicken.

Meine Frage an Dich geht in folgende Richtung: Wie lässt sich der Iran im globalen Kontext und insbesondere im Verhältnis zu den USA besser verstehen?

a) Welche Zusammenhänge bestehen zwischen den Protesten für Demokratie, Menschen- und Frauenrechte, den Aufständen aufgrund von Versorgungsunsicherheit und den Sanktionen der USA, dem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen, dem Angriff der USA im Juni?

b) Wo ist eigentlich Russland? Und China? Weitere Player?

c) Welche Rolle spielt die EU in dieser Gemengelage?

d) Und welchen Handlungsspielraum hat die Schweiz – in Hinblick auf den Schutz der Menschen vor staatlicher Willkür wenn nicht gar in Hinblick auf die Förderung der demokratischen und den Menschen- und Frauenrechten verpflichteten Kräften.

Herzlich

Corinna

Liebe Corinna

die Antwort bräuchte ein ganzes Buch, es sind ja sehr viele Fragen.

Hier eine rasch runtergeschriebene Antwort, eher als Bürger, der seine politische Einschätzung in Ergänzung zu meinem eben in der NZZ publizierten Essay abgibt. (Als Historiker kann ich redlicherweise die Zukunft schlecht voraussagen.)

Rolle des Westens

Wir erleben eine Revolution von welthistorischer Bedeutung. Der Ausgang ist noch nicht entschieden. Der Westen wird eine zentrale Rolle dabei spielen, ob das Regime fällt. Wir haben keine soliden Umfragen, weil es diese schlicht nicht gibt. Trotzdem kann man sagen, dass ein grosser Teil der Menschen im Land – und auch ausserhalb – nach Hilfe durch die USA, Israel und Europa ruft. Die Leute sind nicht naiv, sie kennen die Geschichte und die Risiken ausländischer Interventionen. Trotzdem rufen sie nach Hilfe, weil sie wissen, wozu das Regime bereit ist.

Es gibt eben auch historische Beispiele, in denen die Hilfe von aussen eine gute Wendung gebracht hat. So spielte die Unterstützung durch Frankreich nicht zuletzt in der Gründungsgeschichte der USA eine wichtige Rolle, die Nazis sind nicht von innen gestürzt worden, und auch irakische Kurden haben ihre eigene Sicht auf den Sturz Saddam Husseins mit Hilfe der USA, die von der bei uns so populären Story eines völkerrechtswidrigen Angriffs abweicht.

Wer jetzt gegen eine militärische Unterstützung von aussen argumentiert, seinem wohlfeilen europäischen Antiamerikanismus frönt und gleichzeitig nichts dazu sagt, dass längst ausländische Kräfte das Islamische Regime unterstützen, China, Russland, schiitische Milizen aus Irak und Afghanistan, der lässt unbewaffnete Menschen im Stich, in den Händen von Mördern.

Gute Gründe für Hoffnung

Es gibt Risiken wie bei jeder Revolution, viele Unbekannte. Aber die müssen abgewogen werden gegen die bekannten Risiken, sollte das Regime bleiben: Wir haben es mit einem Regime zu tun, das das eigene Land militärisch besetzt hält, mit scharfer Munition Massaker verübt, mithilfe ausländischer Söldner die ganze Region destabilisiert und überdies weltweit Terrorismus fördert, mit dem Endziel Israel zu erobern und den Westen zu unterwerfen. Es gibt also gute Gründe zu hoffen, dass sich die Lage verbessert, wenn das Regime – unter anderem durch ausländische Hilfe – stürzt.

Geopolitische Verschiebung

Unabhängig davon, wie man dazu steht, ist klar: Sollten sich die Iraner:innen vom Joch der Mullahs befreien können, die geopolitischen Auswirkungen eines Regimesturzes wären enorm. Russland und China würden einen wichtigen Verbündeten im Kampf gegen "den Westen" verlieren – einen Verbündeten mit gigantischen Erdöl- und Erdgasressourcen, was nur ein Faktor unter vielen ist.

Zudem bräche ein Epizentrum des islamistischen Terrors, Antizionismus und globalen Jihad zusammen, mit Einfluss auf viele Köpfe nicht nur in der muslimischen Welt, sondern, wie die Reaktionen auf den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 gezeigt haben, zunehmend auch in den westlichen Metropolen.

Ausserdem gäbe es kein billiges Öl mehr aus dem Iran für Peking, keine Drohnen mehr für Putin, keine Unterstützung mehr für Hamas, Hisbollah und Co, kein antiwestlich-islamistisches Propagandamaterial mehr für die Timelines auf TikTok.

Werte der klassischen Moderne

Es steht viel auf dem Spiel: Die freie Welt könnte im besten Fall auf einen starken Verbündeten im Zentrum dieser geopolitisch so umkämpften Region hoffen. In einer Zeit, in der viele denken, eine Epoche der autoritären Regimes sei angebrochen, schwimmt das iranische Volk gegen den Strom der Geschichte und riskiert sein Leben für Werte der klassischen Moderne.

Die Hoffnung, Stärke und Opferbereitschaft der Menschen im Iran könnten auch unsere mit sich selbst hadernden postmodernen Gesellschaften beflügeln. Sie erinnern uns daran: Freiheit und Demokratie sind nicht selbstverständlich.

bouquets/bouquet2.webp

Herzlichen Dank für die genaue und informative Antwort.

Redaktion

Brunnmattstrasse 3
CH-4053 Basel
+41 78 847 76 51
[email protected]


Sozial

LinkedIn

Ansprechpersonen


Medien

Tages Anzeiger, Blick

Partnerschaften

Schweizerischer Nationalfonds

Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Gebert Rüf Stiftung

Beisheim Stiftung

Ernst Göhner Stiftung

Mehr Wissen für mehr Menschen.

© savoir public 2024